Atem

Der Einstieg in die direkte Energiearbeit ist nur über den Atem möglich. Wir haben schon viele Studierende des Tao Yoga, des inneren oder stillen Chi Gong, Neigong und Tai Chi, des indischen Yoga oder Meditierende verschiedener Religionen kennengelernt, die ihr Chi oder Prana nicht oder nicht befriedigend spüren konnten und nur mit ihrer Vorstellung arbeiteten. Sie konnten bei uns die Voraussetzung zur "Realmeditation" erlernen und dann auf ihr System anwenden.
Es gibt eine Reihe verschiedener willentlicher Atemformen, wie zum Beispiel die Blasebalgatmung (schnelles Ein- und Ausatmen) oder die Sipatmung (kurzes mehrfaches Atemanhalten auf einem Einatem), die auf künstliche Art und Weise Chi mobilisieren und bis zu einem gewissen Grade das Chi leichter fühlbar machen. Sie eignen sich nach dem Yogiraj Boris Sacharow jedoch nicht als Einstieg in die Konzentration oder die Meditation im Sinne des Yoga.
Die von uns aus dem Erfahrbaren Atem Ilse Middendorfs entwickelte feine Nasenatmung zeichnet sich durch einen lautlosen, langsamen und feinen Atem aus. Wir haben diesen Atem bis zum Kevali-Atem (Kevala-Atem) weiterentwickelt, der sich später bis zu einer halben Minute, ja bis zu einer Minute oder länger ausdehnen kann. Die Kevali-Atmung ist die höchste Atemform des Pranayama, die Boris Sacharow in den 1950iger Jahren kurz beschrieben hat. Es ist ihr jedoch jedes künstliche und zwanghafte Atemanhalten, wie es vielfach vermittelt wird, fremd. Auch im chinesischen Nei Kung (Neigong) gibt es Darstellungen von einer nahtlosen Atmung (vergleichbar mit dem indischen Kevali 1), die sich auf einer fortgeschrittenen Stufe verlangsamt und (fast) zum Stillstand kommt, während gleichzeitig Chi ein- bzw. ausgeatmet wird und Körper und Geist in eine immer größere Stille gelangen (vergleichbar mit dem indischen Kevali 2). In solche Tiefen der menschlichen Existenz kann nur eine spontane Atmung führen.  Wer diese Art zu atmen, diesen immerwährenden Prozess, den Körper mit Unterstützung spezifischer Hilfen zuzulassen und gleichzeitig zu beobachten, beherrscht, kann die Spontaneität anregen und initiieren. Das genau physiologisch nachvollziehbar darzustellen, ist das Hauptthema unseres Buches, was meines Wissens nach bisher noch nicht geleistet wurde. Wir sind einen eigenen Weg gegangen, der zu diesem Ziel führt, jedoch ist dieser gesamte Weg nicht zwingend. Wertvoll und gesundheitsfördernd ist es bereits zu lernen, den natürlichen körpereigenen Atemimpuls zuzulassen und an alle Atemräume anzuschließen.
Man kann den Weg aber noch über das oben genannte Ziel hinaus weiter verfolgen. Im Nei Kung (Neigong), im inneren und stillen Qi Gong und im Tao Yoga gibt es die so genannte Umkehr- und Kompressionsatmung. Sie ist der Atmung des Fötus’ während der Schwangerschaft nachempfunden, der auf diese Art und Weise Chi "ein- und ausatmet". Diese Atmung wird in Yang-betonten Tao Yoga Systemen als die "wahre Atmung" bezeichnet. Sie mobilisiert außerordentlich viel Chi. Es ist ratsam, die Umkehratmung nur mit einer guter Erdung und einem hoch entwickeltem Atembewusstsein auszuführen. In der Regel ist deshalb dringend anzuraten, vorher die Erdungsstufe zu praktizieren. Es besteht sonst die Gefahr ins Ungleichgewicht zu geraten. Auch die erweiterte feine Nasenatmung, aus der heraus die Umkehratmung entwickelt werden kann, sollte mühelos möglich sein. Wenn wir die Kevali-Atmung beherrschen, können wir auch ohne die künstliche Form einer Yang-betonten Atmung wie der Umkehratmung auskommen.

  Artikel "Atme" in der Zeitschrift Tattva Viveka